„Chupa Chups? Du lutschst sicher richtig gern.“ „Du willst nicht wissen, was ich mit dir mache, wenn ich dich nachts alleine im Haus sehe.“ „Madame, f*ck mich jetzt!“ „Geile Titten!“ Es sind Sprüche, die in Wien an Orten wie auf dem Karlsplatz, am Lerchenfelder Gürtel, auf der Landstraßer Hauptstraße, sogar auf dem Tretboot auf der Donau fallen. Sprüche, die von Fremden zugerufen wurden. Wörter, die bei den Empfänger:innen in Erinnerung bleiben. Diese flüchtigen Situationen nimmt der Verein Catcalls of Vienna (Cats) ernst. Die Aktivistinnen und Aktivisten gehen an den Ort des Geschehens und wollen für alle sichtbar machen, wie verbreitet das Problem des Catcalling ist. Daneben steht immer der Aufruf: „Stoppt Belästigung“. „Gesprochene Wörter sind immer so schnell weg. Eine Person wird belästigt, es wird irgendwas Dreckiges nachgerufen, und dann ist da nichts Greifbares“, sagt Emilia Castañeda Rossmann, Mitbegründerin der Cats, im Gespräch mit dem STANDARD.
Catcalls of Vienna erhält zahlreiche Nachrichten von Menschen, die in der Öffentlichkeit belästigt wurden. Die Initiative startete im Jahr 2020 in Wien und kam von einem Mitglied von Catcalls of Darmstadt. Sie sind Teil einer globalen Bewegung, die die Sprüche nicht nur aufmerksamkeitsstark festhält, sondern Betroffenen auch ein Ventil zum Erzählen bietet. Bei ihren „Kreidungen“ oder „Chalk back“-Aktionen gehen sie nie allein, mindestens zu zweit auf die Straßen. Teilweise reagieren Passant:innen neugierig, teilweise aber auch aggressiv. „Einer hat mal ‚Ihr schei* Feministinnen!‘ gerufen. Manche denken, dass wir ihre Männlichkeit angreifen“, erzählt Castañeda Rossmann. „Wir könnten dann gleich nach der ersten Kreidung die nächste daneben machen.“
Herzrasen und Übelkeit
Catcalling – zu Deutsch „Katzenrufen“ – ist eine Form verbaler, aber auch nonverbaler Belästigung im öffentlichen Raum. Darunter zählen anzügliche Zurufe, Stöhnen, Pfeifen, Kussgeräusche, bestimmte Gesten oder auch Anstarren. Es kann jeden und jede treffen, jedoch sind weiblich gelesene Menschen am häufigsten betroffen. Täter sind in den meisten Fällen Männer. „Catcalling ist immer verbale sexualisierte Gewalt“, sagt die Leiterin des Frauennotrufs der Stadt Wien, Heidemarie Kargl, dem STANDARD.
Laut einer Umfrage der Kriminalpolitischen Zeitschrift aus Deutschland haben 95 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer schon einschlägige Erfahrungen mit Catcalling gemacht. Für Österreich liegen keine aktuellen Zahlen vor. Wer gecatcallt wird, fühlt sich verärgert, verunsichert oder verängstigt, empfindet Stress, Scham, Ekel. Betroffene berichten auch von Herzrasen, Übelkeit oder Verspannungen. Manche Frauen ändern ihr Verhalten, meiden bestimmte Orte, ziehen sich anders an, haben das Handy griffbereit, hören keine Musik mit Kopfhörern. „Belästiger machen das vielleicht nicht bewusst, aber es geht um Dominanz und Macht und darum, eine Frau herabzusetzen“, so Kargl. Frauen würden so aus öffentlichen Räumen verdrängt.
Erste Erfahrungen mit 15
Catcalling beginnt früh. Der Umfrage der Kriminalpolitischen Zeitschrift zufolge waren Betroffene im Durchschnitt 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal gecatcallt wurden. Lorena Arancibia Encina von Catcalls of Vienna erinnert sich daran, mit 14 im Zug gesessen zu sein, als ein Mann sich neben sie gesetzt und bedrängt habe: „Ich bin in den vergangenen Jahren mit Scheuklappen durch die Welt gegangen, weil ich einfach nichts mehr mitbekommen wollte. Es hat mich psychisch so fertiggemacht.“ Junge Menschen sind laut Kargl besonders vulnerabel, weil sie oft nicht verstehen, was genau passiert.
Was kann man also tun, wenn man gecatcallt wird? Sowohl Catcalls of Vienna als auch Kargl betonen, dass die Schuld nicht beim Opfer liegt. Es gebe für Opfer kein Mittel gegen verbale Belästigung. Anders handeln müssten die Catcaller. Die Mitglieder von Cats sind vorsichtig, Ratschläge zu geben. Es entstehe zu schnell der falsche Eindruck, dass Frauen gecatcallt werden, weil sie nicht passend gekleidet sind, weil sie sich in bestimmten Gegenden aufhalten, weil sie nicht vorsichtig genug waren. Auch Kargl kritisiert, dass Frauen teilweise gefragt werden, was sie anhatten – eine Täter-Opfer-Umkehr. Dennoch kann es laut der Frauennotruf-Leiterin hilfreich sein, zu überlegen, wie man in einer Catcalling-Situation reagiert.
Selbstschutz geht vor
Wichtig sei immer, auf das Bauchgefühl und die gegebene Situation zu achten. Sind Menschen im Umfeld? Ist der Catcaller allein? Ist die Betroffene allein? Ist es Tag oder Nacht? Könnte das Gegenüber unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen? Befindet man sich in einem geschlossenen Raum, etwa einer Parkgarage, einem Bus oder einer U-Bahn? Selbstschutz geht immer vor.
Die eigene Reaktion auch von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Wenn man einen Catcall ignoriert, sollte man dies laut Kargl selbstbewusst und mit aufrechter Haltung tun. „Man darf sich keine Vorwürfe machen, wenn einem keine schlagfertigen Antworten einfallen und man einfach weitergeht“, betont sie. Wer antwortet, sollte darauf achten, nicht mit sexualisierten Beleidigungen zu antworten, sondern klar auszusprechen, was passiert und was man will. „Sie belästigen mich. Hören Sie auf damit!“ Wichtig ist dabei, beim „Sie“ zu bleiben. Man zeigt so auch dem Umfeld, dass es sich nicht um einen Austausch zwischen Bekannten, sondern zwischen Fremden handelt. Fragen, wie „Was ist Ihr Problem?“ laden eventuell zur Diskussion ein und sind daher keine gute Idee. Es kann auch hilfreich sein, das Umfeld auf die Situation aufmerksam zu machen und umstehende Personen gezielt um Hilfe zu bitten. Wenn es die Situation erlaubt, rät Kargl auch zu einer Protesthandlung, etwa Rülpsen oder lautes Schnäuzen. Das Paradoxe reißt Belästiger möglicherweise aus ihrem Verhaltensmuster raus. Wer verfolgt wird, kann auch in einem Café oder einem Geschäft um Hilfe bitten.
Danach sollte man sich mit Freunden oder Familie austauschen und über das Erlebte reden. Bestenfalls hält man das auch irgendwie fest. Kargl ruft auch dazu auf, keine Scheu zu haben, die Polizei zu rufen. Es könnte sich um Beleidigung, Verhetzung oder versuchte Nötigung handeln. Selbst wenn der Täter über alle Berge sei, könne man der Polizei helfen, jemanden ausfindig zu machen, zu dem weitere Informationen von anderen Zeugen vorliegen.
5D-Methode
Castañeda Rossmann erzählt, keine guten Erfahrungen mit der Polizei gemacht zu haben. Ihr hätte man nicht helfen können. Immerhin ist Catcalling in Österreich nicht strafbar. Die Cats sprechen sich für eine Strafbarkeit aus. In Frankreich, Belgien, Portugal und Spanien gibt es entsprechende Gesetze. Das österreichische Bundesministerium für Frauen verweist nach einer Anfrage des STANDARD auf die Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Dabei werde auch diskutiert, ob und in welcher Form verbale sexuelle Belästigung – wie Catcalling – stärker in rechtliche und präventive Maßnahmen einfließen soll. Der Plan solle Ende des Jahres vorliegen, heißt es.
Was bis dahin helfen kann, ist laut Catcalls of Vienna und Kargl Zivilcourage. Die Volkshilfe Wien hat eine 5D-Methode für Beobachter von Catcalling erarbeitet. Die fünf Ds lauten wie folgt. „Distract“: Unterbrich die Situation und lenke die Aufmerksamkeit von der Betroffenen weg. „Delegate“: Bitte um Hilfe bei Umstehenden. „Document“: notiere oder filme, was passiert ist. „Direct“: Sprich die belästigende Person direkt an, sage zum Beispiel: „Hören Sie auf!“ Und „Delay“: Biete der Betroffenen nach dem Vorfall Hilfe an.
Allem voran steht der Aufruf an alle Menschen, sich anderen gegenüber respektvoll zu verhalten. Beispielsweise solle man das Aussehen Fremder grundsätzlich nicht kommentieren. Es bräuchte laut Kargl auch einen stärkeren Fokus auf die Verursacher. Männer sollten demnach, wenn sie in Gruppen unterwegs sind, Platz machen, wenn ihnen eine Frau entgegenkommt. Sie sollten gerade nachts Distanz wahren und nicht direkt hinter einer Frau gehen. Solidarität setzt auch voraus, dass man Freunde, Familie, Bekannte oder Kollegen, die sich übergriffig verhalten, in die Schranken weist.
„Man müsste mit genau der Intensität und genau dem Mitteleinsatz bei den Männern ansetzen – ohne bei den Frauen was wegzunehmen“, sagt Kargl. Frauen ruft sie dazu auf, in der Öffentlichkeit selbstbewusst Raum einzunehmen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Die traurige Realität bleibt jedoch, dass viele überlegen müssen, wie sie im Fall der Fälle reagieren.
Artikel: DerStandard
Verfasst von Isadora Wallnöfer
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