Gerade schreibt jemand in grüner Kreide „Fight the Power!” auf den Asphalt, an anderer Stelle steht in Orange: „Stop Catcalling”. Wo im Vorjahr das temporäre Mahnmal gegen Femizide enthüllt wurde, entstand gestern, Sonntag, ein bunter Teppich aus Parolen, Erfahrungsberichten und Symbolen.

Der Park ist benannt nach Joseph Ressel, der ganze Platz nach Kaiser Karl VI. – den öffentlichen Raum prägen immer noch überwiegend Männer. Die anderen Geschlechter wechseln auf dem Heimweg vorsichtshalber die Straßenseite. „Es geht darum, dass wir uns gemeinsam den öffentlichen Raum aneignen”, sagen Miko und Viktoria von „Catcalls of Vienna”. Der Verein hat gestern das „Chalk Back Event” mit Podiumsdiskussionen, Reden und Musik veranstaltet. Wer wollte, schnappte sich einen Kreidestift und legte los.

Catcalling, so nennt man verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. 2016 gründete die Aktivistin Sophie Sandberg die Plattform „Catcalls of NYC”, die Erlebnisberichte über einschlägige Belästigungen in Kreide auf die Straßen von New York schrieb und online stellte. Die Bewegung streute quer über den ganzen Globus.

In einigen europäischen Ländern hat verbale sexuelle Belästigung bereits rechtliche Konsequenzen. Auch Organisationen wie „Catcalls of Vienna” fordern, dass Catcalling in Österreich strafbar werden soll: „Wenn Catcalling ins Gesetz kommen würde, würde es die gesellschaftlichen Werte verschieben”, sagt Miko. Gleichzeitig brauche es Investitionen in Präventions- und Täterarbeit. Ein Verbot hätte eine Signalwirkung, könne aber nur ein weiterer Schritt in Richtung gesellschaftliches Umdenken sein. Im März sprach Frauenministerin Eva Maria Holzleitner (SPÖ) in der ORF-Pressestunde in Zusammenhang mit Catcalling von „unglaublich viel Nachholbedarf” bei der Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft.
Das Team von „Catcalls of Vienna” sammelt laufend Schilderungen von Belästigungen im öffentlichen Raum und schreibt sie auf den Boden – dort, wo sie sich abgespielt haben.

Drei Beispiele:
Nußdorfer Straße, Ende März: „Bewegt euren Arsch von der Straße, ihr H*uren – & Nachruf: Oder sollen wir euch fetzen, ihr F*tzen”.

Gehsteig in Margareten, April: „Du willst nicht wissen, was ich mit dir mache, wenn ich dich nachts alleine im Haus sehe”

Bellariastraße, Mitte Juni: „Scheiß Schwuchtel”.

Catcalling ist also keine ausschließlich weibliche Leidensgeschichte. Und es äußert sich nicht immer in Beschimpfungen oder anzüglichen Bemerkungen, manchmal sind es Schmatzgeräusche, Pfiffe, oder gar entblößte Penisse oder ungewollte Berührungen – die Grenze zwischen verbaler und körperlicher sexueller Belästigung ist fließend.

Expertinnen sprechen von einer Gewaltpyramide. Sie beginnt in der Breite mit sexistischen Ansichten und Äußerungen und spitzt sich im schlimmsten Fall über individuelle und institutionelle Diskriminierung und physische oder sexualisierte Gewalt zum Frauenmord zu – Femizid ist der Fachbegriff für den Mord an einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts.

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Catcalling ankreiden – Catcalls of Vienna

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